2021 schon jetzt im Sale?

Was geht 50% leichter? Was geht 50% schwerer?

So hat sich das niemand von uns vorgestellt: 2021 fängt so an, wie das schon längst von uns „abgeschriebene“ 2020 aufgehört hat. Kein Wunder, dass der Smiley auf der 2021-Haarklemme deplatziert ist und schon in Woche zwei zu 50% verramscht wird!

Mich hat er jedoch dazu gebracht, für mich Bilanz zu ziehen: Was wird leichter? Was wird schwerer? Und da meine ich nicht nur „wir sind jetzt alle so herrlich digital…“.

Was wird uns zukünftig leichter fallen?

Unsicherheit aushalten: Wir haben gelernt, „auf Sicht zu fahren“: in vielen Fragen müssen wir mit Unsicherheit leben, nicht eindeutige Wirkweisen, Einflussfaktoren, Zahlengrundlagen zu kennen. Die Unsicherheit ist “salonfähig” geworden und darf gezeigt werden. Wichtig ist unser Handeln unter unsicheren Bedingungen permanent anzupassen und nicht auf Sicherheit warten und dann erst zu handeln.

Demut: Erste Veränderungen kann man schon deutlich wahrnehmen. Uns vereint eine wichtige Erfahrung: so fortgeschritten Technik, Digitalisierung, gesellschaftliche Regeln auch sein mögen, am Ende reicht ein Virus aus, um alles infrage zu stellen. Wir sind demütig geworden. Wir hinterfragen Dinge, die wir für unverzichtbar, gesetzt oder undenkbar hielten. Jetzt wissen wir: es geht auch ohne.

Grenzen wegdenken: Der Virus kennt keine Grenzen. Er macht uns alle gleich. Er verbannt uns ins Homeoffice und zum Sport auf den Küchenboden und verwischt damit sämtliche Grenzen – zwischen Arbeit und Freizeit, Orts- und Landesgrenzen und auch Statusgrenzen. Ich „hopse“ mal schnell auf ein Konferenzpanel 500 km entfernt und 10 Minuten später wieder zu meiner Mutter in die Senioreneinrichtung zum Videochat. Diese entgrenzten Perspektiven braucht es jetzt auch fürs Recruiting, für die Planung der nächsten Konferenzen, für die täglichen Routinen: lasst uns die nächsten Konferenzimpulsgeber in China suchen und den Bewerber irgendwo, wo das WLAN stark genug ist und es sich gut leben lässt. Und vielleicht ist die Yogalehrerin im Netz doch besser als im Studio um die Ecke, wo ich die Termine aus Zeitgründen oft sausen lasse?

Solidarität: Die erste weltweite Krise, die zusammen bekämpft wird! Wir spüren, wie wichtig es ist, auf die anderen zu achten. Die Maske, die vielmehr Schutz der Anderen als Schutz des Trägers ist, ist ein gutes Bild für diese Solidarität.

Menschlichkeit: Wir glaubten, mit Technik, Fortschritt, Industrialisierung immer mehr beherrschen und kontrollieren zu können. Jetzt wurden wir gnadenlos zurückgeworfen auf uns. Reduziert auf ein Dasein im Homeoffice. Alle gleich. Nichts ist kontrollierbar. Ob in Jogginghose, ob mit Kind auf dem Schoß oder einsam als Single. Wir hören einander zu und öffnen uns für die Anderen. Corona schreibt eine Story, die es nicht mehr zulässt, das Private außen vor zu lassen. Wir spüren unsere Verwundbarkeit – und dieses Menschsein fühlt sich auch noch gut an. Authentisch und ehrlich.

Und was fällt uns zukünftig schwerer?

Unbeschwertheit: Der Glaube und das tiefe Vertrauen in das Beständige, ist ausgeträumt. Wir wissen, dass alles infrage gestellt werden kann. Das macht uns ernster und wird sich auf unsere Bindungsfähigkeit auswirken. In einem psychologischen Sinne schreibt man „sicher gebundenen Menschen“ eine Lebenshaltung zu, die mit einem riesigen Vertrauensvorschuss gleichsam „durchs Leben springen“. Unsere Schritte werden jedoch kleiner werden. Mehr vortasten als springen.

Harmonie: Alles hatte sich früher irgendwie am Ende harmonisch eingeschwungen – der Konsens in Gesellschaft und Politik, die Sinnfragen des Lebens. Corona hat vieles auseinanderdividiert – Verschwörungstheorien, Gesellschaftsschichten, Polaritäten im Miteinander. Die Abstände sind volatiler geworden. Die Unterschiede größer. Welchen Brückenbauern wird Versöhnung, Konsens, Anschlussfähigkeit gelingen?

Energie statt Bequemlichkeit: Corona hat uns bequem gemacht – vom Sofa hinaus in die Welt: zum Shoppen, zum Arbeiten, zur Chorstunde. Die Vorstellung, dass das für viele Menschen schon jetzt „das bessere Modell“ ist, macht mir Angst. Ein Meeting mit Kollegen vor dem Whiteboard ziehe ich noch jedem digitalen Kollaborationstool vor. Zwar habe auch ich in dieser Zeit neue Fitness- und Shopping-Apps entdeckt, vermisse aber dennoch das Gemeinschaftserlebnis beim Sport oder das ungeplante Entdecken des Lieblingsteils beim Shoppen. Begegnung, Gemeinschaft, glückliche Zufälle, …lasst uns das nicht aufgeben!

Wie fällt meine Bilanz aus? Was wird überwiegen – die Erleichterungen oder die neuen Hürden? Am Ende wünsche ich uns vor allem eins: dass wir die Energie und Kraft aufbringen, diese Zeit zu reflektieren und ganz bewusste Entscheidungen zu treffen: welche dieser Veränderungen möchte ich behalten, weil sie mich stärker macht? Und was kann schnellstens wieder weg?

Krise ist Chefsache

Krisen haben es an sich, dass sie mit einem Handstreich alles auf den Kopf stellen, was vorher als gesetzter Maßstab galt. So beobachte ich es auch in dieser Krise. Nachdem nun die Angst um die Gesundheit gebannt zu sein scheint, drängen die wirtschaftlichen Ängste in das Bewusstsein und verändern das favorisierte Führungsverständnis, das der Mainstream moderner Unternehmen war.

Die 5 häufigsten Führungsfehler, zu denen uns solche Krisen verleiten:

Dem ‚Kontrollverlust‘ mit mehr Kontrolle zu begegnen: wer es gewohnt ist, dass er Kausalitäten kontrolliert und mit seinem Handeln die entscheidende Veränderung bewirkt, ist nun seiner mächtigsten Kraft beraubt. Das führt zur Ohnmacht und macht Angst. Manager, die sich ihrer Ängste nicht bewusst sind, reagieren auf die Unsicherheit mit übermäßig regiden Entscheidungen, mit „Durchgriff“, „Top-down-Ansagen“, Command und Control. Alles, was die VUCA-Führungsansätze uns lehrten, wie volatile und unsichere Systeme zu beherrschen sind, wird im Moment der Krise und der Konfrontation mit der großen Unsicherheit über Bord geworfen.

Menschen verunsichern, statt Halt und Zuversicht auszustrahlen:  Die Frage ist: was bewegt Menschen zum entschlossenen Handeln? Leidensdruck oder Zuversicht? Die Metapher der „Burning Plattform“ gilt in weiten Managementkreisen immer noch als die Veränderungsmetapher schlechthin: man müsse nur den Leidensdruck ausreichend erhöhen, damit die Menschen endlich aufwachen und handeln! Dass das in der jetzigen Situation, in der die Angst allgegenwärtig ist, eher zu Lähmung, Tunnelblick und damit Antriebslosigkeit führen kann, wird übersehen. Angst ist keine Ausgangsbasis, um kraftvolle Reserven für die Aufbauarbeit in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu mobilisieren!

Mit Fakten überzeugen wollen, statt Menschen emotional zu erreichen: wir alle kennen die „Erster Eindruck“-Studienergebnisse, die wiederholt und anschaulich belegen, dass es nicht die Inhalte sind, die beim Gegenüber etwas auslösen. Vielmehr sind es die nonverbalen Signale, die Stimme und die gefühlte Authentizität, die alles entscheidende Wirkung entfalten. Dennoch wird auf diese Aspekte der Kommunikation zu wenig Wert gelegt und nach inspirierenden Bildern und Metaphern gesucht, die mit den Zuhörern in Resonanz gehen, sie emotional erreichen und damit Orientierung bieten können.

Veränderungen nicht radikal genug herbeiführen: Diese Krise stellt unsere Wirtschaft auf den Kopf. Es gibt ein paar beispielhafte Firmen, die sofort während des Lockdowns ihr Geschäftsmodell, das nun nicht mehr funktionierte, radikal umgebaut und der Lage angepasst haben. Das ist jedoch die Ausnahme. Es zeigt, wie schwierig es ist, vom bislang Erfolgreichen und Bewährtem loszulassen und neue Umfeldfaktoren als maßgebend anzuerkennen. 

Nicht flexibel genug sich mehrerer Führungsfacetten zu bedienen: Analog zum Rückfall in „Command und Control“-Modus gibt es auch das Gegenteil: das unbedingte Festhalten an falsch verstandenem Empowerment, das jede klare Botschaft als Rigidität straft. Dazwischen liegt die Wahrheit. In der Krise braucht es Klarheit, Geschwindigkeit und vor allem Mut zu Entscheidungen. Falsch verstandenes Demokratieverständnis ist ebenso hinderlich wie der komplette Verzicht auf Partizipation.

Das man um diese Punkte weiß, ist noch lange kein Garant dafür, dass man auch in jeder Situation über diese Fähigkeiten verfügt – wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Die Krise gibt uns jedoch die Möglichkeit, dass dafür notwendige Bewusstsein zu entwickeln und diese Fähigkeiten weiter zu trainieren.