Purpose statt Paycheck – Warum die Sinnsuche von der Kirche in die Konzerne gewandert ist!

Am deutlichsten ist mir das im Silicon Valley aufgefallen: jeder Gründer holt – bevor er sein Produkt vorstellt – tief Luft und erzählt erst einmal die Geschichte seiner eigenen Kindheit. Vom Vater, der im Vietnam-Krieg verwundet wurde und dann per Newsletter mit den anderen Veteranen den Kontakt hielt und wie das die Sternstunde des Unternehmens wurde, was sich fortan sich dem Community-Building in Unternehmen verschreibt. Vor mir sitzt der 25-jährige Gründer und ich sehe sein Kinderzimmer in den 90er Jahren vor mir und seine Augen leuchten mit religiösem Eifer. Ja, und plötzlich ergibt alles einen Sinn – der große Storytelling-Bogen über die eigene Heritage, die nun alle seine Mitarbeiter und vor allem das Produkt mit einem höheren Sinn auflädt. Einen Sinn, der über die schnöden Algorithmen des Produkts hinaus reicht, einer höheren Sache dient und diese mit Attributen wie Kameradschaft, Füreinander-Einstehen, religiösem Vertrauen und – um es mit einem Wort zu sagen – ‚Sinn‘ auflädt! Und damit jeden, der in dieser Firma arbeitet, an dieser Sinnstiftung teilhaben lässt.

An dieser Stelle ist die Koinzidenz deutlich greifbar: je mehr wir uns aus der Sinnsuche im Religiösen entfernen, füllen Unternehmen das Vakuum, das den Sinn fürs Dasein liefert. Haben unsere Eltern noch ihre Jobs als eine Quelle zum Lebensunterhalt gesehen und sich weder gefragt, ob sie das was sie tun, persönlich weiterbringt, noch ob es einer höheren Sache dient, werden diese Fragen heute immer dringlicher und bestimmen die Entscheidung für einen Arbeitgeber und den Grad der Motivation und des Engagements.

Die Parallelen zur Kirche und der religiösen Sinnsuche sind dabei unübersehbar:

  • Rituale dienen in beiden Systemen zur feierlichen Aufladung des Miteinanders: gibt’s in der Kirche die Taufe, so stehen die Rituale bei der Erklimmung einer bestimmten Führungsstufe nichts nach – ab Level X gibt’s die Einladung zum Leitenden-Summit, die Teilnahme an der Seminarreihe XY. „Thank good it’s Friday“-Meetings, das jährliche Sommerfest, bei dem die Chefs an Grill und Zapfhahn stehen, sind weitere Beispiele für ritualisierte Festschreibungen: ‚seht, wie wir euch dienen und uns aufopfern‘.
  • Gemeinschaft ist sowohl in der Kirche im Sinne der Gemeinde, als Gemeinschaft der Gläubigen, als auch in Unternehmen durch die Betonung der Zugehörigkeit und Teamleistung, die bessere Form sich zu organisieren und eine Identität über das eigene Ich hinaus zu erfahren.
  • Sinnsprüche werdenals geistige Stärkung und für die seelische Festigkeit in Wohnraum und Office verteilt. Aus der „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Wird „Fail fast. Fail often.“ oder „Yes, you can!“.
  • Entwicklungserwartung wird in Kirche und Konzernen großgeschrieben: in beiden Systemen nähert man sich durch eigene Leistung und die richtige Haltung einem höheren Selbst.
  • Identifizierung und Loyalität mit Unternehmen und Christentum kommen daher mit einem Absolutheitsanspruch: ‚Ich bin der Herr dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.‘ meint in Unternehmen: ‚Komme nicht mit Nike-Turnschuhen zur Arbeit, wenn du bei Adidas arbeitest!‘. Unternehmen tuen viel dafür, dass kein Mitarbeiter seinen Schreibtisch mit dem des Konkurrenten freiwillig tauschen möchte.
  • Opferbereitschaft ist eng verknüpft mit Identifizierung. Im Christentum war es die unermüdlich genährte Hoffnung, dass alles irdische Leiden sich nach der Auferstehung im ewigen Leben auszahlen möge. Die moderne Form der Opferbereitschaft stellt der Aufgabe des eigenen Ichs die Teilhabe an dem größeren Ganzen gegenüber. Der Erfolg des Unternehmens ist auch dein Erfolg.

Seit Jahrhunderten hat die Kirche die Aufgabe übernommen, für Lebenssinn und den höheren Zweck des Daseins zu sorgen. Zeitgleich mit dem Verlust dieses Selbstverständnisses der westlichen Welt, wird Unternehmen diese Aufgabe zugeschrieben und es wächst eine Generation heran, die bei ihrer Suche nach Orientierung das „why“ und die Sinnstiftung in der Arbeit sucht. New Work und „purpose driven“ sind der Anspruch, dem heute jedes Unternehmen gerecht werden muss. Macht es auf der einen Seite die Arbeit menschlicher, indem es persönliche Wünsche nach Entfaltung in den Arbeitskontext trägt und wir uns von einem maschinellen Selbstbild verabschieden, so schafft es bei einem allzu exzessiven Fokus auf die Sinnsuche auch neue Probleme: es fehlt die Distanz, die „Arbeit, ‚Arbeit‘ sein lässt“ und den Fokus auf ein Leben neben der Arbeit lenkt und auf Sinnstiftung in anderen Lebensbereichen.

„Es ist nur ein Job…“ würde ich mir selbst manchmal gern zurufen, wenn mich Jobprobleme vor dem Wecker aufwachen lassen und dann lieber den neuen Roman zur Hand nehmen als im Morgengrauen zur Arbeit zu radeln.