Die Plastikbox als Kulturbooster!

Sorry, liebe Community, aber ich fühle mich zunehmend unwohl: unsere Appelle an die Unternehmenskultur – bebildert mit Fotos von glücklichen Events mit Turnschuhmanagern, Graphic Recording, Holunderbionade und neonfarbener Tapeart. Glauben wir, dass sich dadurch an der Unternehmenskultur irgendetwas ändert? Lässt daraufhin Rolf seine Bürotür offen und läuft mit seinem Morgenkaffee zur Gabi aus der Nachbarabteilung und fragt nach, wie der Projektstand in ihrem Projekt ist …? Ganz ehrlich, Appelle verändern selten das Verhalten – da braucht es radikalere Ansätze.

Mit radikaler meine ich, dass man Strukturen und Prozesse so im Unternehmen ändert, dass automatisch hinterher etwas anders ist. Wie das geht? Zum Beispiel mit einer simplen 2 EUR Plastikbox!

Bei einem Großteil unserer AXA-Standorte haben inzwischen die Mitarbeiter – vom Vorstand bis zum Praktikanten – ihr „Leben“ in dieser Plastikbox, die ermöglicht, sich jeden Tag einen neuen Arbeitsplatz zu wählen.

Die 5 größten Effekte dieses simplen „Kultur-Hacks“:

  1. Perspektivwechsel: Die Clean-Desk-Policy führt dazu, dass man jeden Tag sich neu einen freien Schreibtisch suchen kann. Automatisch treffe ich auf diverse Kollegen und kann „über-den-Schreibtisch-hinweg“ unbürokratisch, unkompliziert und quasi nebenbei andere Themen und neue Sichtweisen austauschen.
  2. Aufbruch von Hierarchien: das Abschaffen von Einzelbüros ist der radikalste Führungskulturbooster innerhalb einer Organisation! Mehr als nur ein symbolisch-kraftvolles Zeichen und wirksamer als die abgelegte Krawatte. Automatisch rückt man als Team zusammen, Berührungsängste und Hürden fallen weg.
  3. Digitalkompetenz: Clean-Desk geht nur mit Digitalisierung aller Dokumente und Prozesse innerhalb der Organisation. Kollaborations- und Kommunikationstools ermöglichen das Arbeiten von überall mit jedem. Übrigens auch eine Grundvoraussetzung für Homeoffice für fast jeden Tätigkeitsbereich.
  4. Veränderungsbereitschaft: Unkompliziert ein crossfunktionales Projektteam zusammenbringen…, in ein neues Gebäude umziehen…, im Team nebenan unterstützen…? Was früher einen hohen Organisationsaufwand bedeutete, geht nun unmittelbar: man zieht mit seiner Plastikbox einfach einen Schreibtisch weiter. Örtliche Flexibilität schafft eine flexible Haltung.
  5. Abbau von Silos: das Verschwinden von räumlichen Barrieren führt automatsch zum Abbau von Silos innerhalb der Organisation. Jeder hat zwar noch irgendwo seine „Homebase“ aber die Übergänge sind fließend. Darüber hinaus werden die offene Kommunikation und die Netzwerkkultur angeregt. Quasi ‚Working out loud‘ als Default-Einstellung zwischen den Teams.

Mein Fazit: man verändert Verhalten nicht durch Appelle und Kulturinitiativen, sondern durch wirksame Veränderungen innerhalb der Struktur der Organisation. Automatisch werden dadurch alte Denkmuster im Gehirn überschrieben und neues Verhalten forciert. Neue Verhaltensweisen führen zu neuen Glaubenssätzen. Aus „Mein Eckbüro, meine Sekretärin, mein Tiefgaragenparkplatz – ich habe es zu etwas gebracht.“ wird „Mein Input ist für viele im Unternehmen wertvoll“! Die Stromberg-Pinnwand braucht nicht nur deshalb einen neuen Platz, weil der Standort umgebaut wird. Sie wird nicht einmal als Satire mehr verstanden.